Lieblingszüge auf Schwarz

Hast du dich mal gefragt, ob man deinem Gesicht ansehen kann, wie viele Verabschiedungen du erlebt hast? Ob es oft für immer war oder bloß manchmal für eine Weile? Zeichnet der endgültige Verlust geliebter Menschen andere Züge als ein kurzweiliges Bis bald? Hinterlässt es Spuren in den Augen, wenn sich deine Blicke in den Rücken bohren, der sich dir zum Gehen abwendet wie ein plötzlicher Systemabsturz, bei dem sich das letzte Bild für immer in den Monitor brennt?

Schließe ich meine Augen, so erscheinen versteckte Lieblingszüge auf Schwarz.
Ein kurzer, sehnsüchtiger Blick.
Die Anspannung des Mundes in Redepausen oder kleine Fältchen auf der Nase,
die sich beim Betrachten der Ferne bilden.
Das wehrlose Lächeln beim Erwähnen eines bloßen Namens.

Und ich rätsle darüber, wie das Loslassen geliebter Menschen in deinem Gesicht gezeichnet hat.
Eher so erstarrt und grau oder mehr so rosig und bewegt-
wie eine regelrechte Sucht, sich deine Ausdrucksstärke von
Auge
Nase
Mund
Stirn
Wangen
Brauen
und Kinn
wieder und wieder und wieder und wieder ins Gedächtnis zu hämmern.
Schmerz. Mitfühlen. Lindern wollen.
Das eigene Verlangen nach geliebten Menschen in dir zu entdecken.

Dein Gesicht auf Schwarz zu werden.

Meine Mama sagt, das größte Glück auf Erden ist, das Gesicht eines Neugeborenen beim Stillen zu betrachten.
Minuten. Stunden. Tage. Monate. Kein Schmerz. Keine Angst.

Meine Lieblingszüge auf Schwarz.
Zuzulassen dass sich unsere Begegnungen in mein Gesicht wischen
wie Regen auf der Windschutzscheibe.
Sich so sehr in deinem Leben verlieren dass ich die Angst vor dem Abschied ignoriere.

Bis es so weit ist.

Und ich deine Lieblingszüge auf Schwarz
auf meiner Leinwand male.

 

Schmelli